Story zur Probe

 
     
 

Aus meinem Buch "Erzähl doch keine Geschichten!" hier eine zum Kennenlernen.

(Das Beispiel an dieser Stelle wird von Zeit zu Zeit ausgetauscht. Schauen Sie doch bald mal wieder rein!)

Angolanisches Roulette

Das Estádio da Citadela hat sechzigtausend Plätze, und heute ist es ausverkauft. Denn Luandas Star-Club, Primeiro de Agosto, bestreitet dort ein Heimspiel gegen Petro Atletico. Das bedeutet: Etwa die halbe Nationalmannschaft Angolas wird man fast zwei Stunden lang zu sehen bekommen. Ein Festtag für die drei oder vier Millionen Einwohner der Hauptstadt.

Bevor das nationale Ereignis beginnt, sollen noch zwei andere Mannschaften gegeneinander antreten, zwei Jugend-Teams. Für sie hat man ein kleineres Spielfeld abgetrennt und zwei niedrigere Tore aufgestellt, die nur dreieinhalb Meter breit sind.

Einer der jungen Fußballspieler heißt Fabrice Mantorras, dreizehn Jahre. Kaum ein Mensch in Angola ist so stolz auf seinen Namen wie er. Denn den Nachnamen hat er mit dem größten Fußball-Ass des Landes gemeinsam, der bei Benfica Lissabon unter Vertrag steht - also Weltklasse!

Und den gleichen Vornamen trägt der erfolgreichste Torjäger und Rekordspieler der angolanischen Nationalmannschaft: Fabrice Alkebia de Maieco, genannt Akwá.

Nein, dies wird keine Sportreportage. Aber der Fußball ist für jeden Angolaner nicht nur ein Spiel. Er ist der Beweis, dass es hier mehr gibt als Armut, Gewalt und Korruption, nämlich auch Stolz, Leidenschaft und Farplay! Und seitdem das Team um Nationaltrainer Gonçalves sich 2006 zum ersten Mal für eine Weltmeisterschaft qualifizierte, ist der Sport auch ein Zeichen der Hoffnung, dass es nach über dreißig Jahren Bürgerkrieg und hundert-tausenden von Opfern endlich wieder aufwärts geht.

Fabrice Mantorras kommt aus Cabinda, der Exklave nördlich des Landzipfels, der den Kongo mit dem Atlantik verbindet. Touristen gibt es dort nicht. Europäer hat Fabrice noch nie gesehen. Wenn Fremde weiße Haut haben, sind es Americanos. Denn vor der Küste Cabindas sollen stählerne Inseln mitten im Meer stehen, die Öl aus der Erde unter dem Wasser holen, und diese künstlichen Inseln gehören den Fremden. Fabrice versteht ihre Sprache nicht und kann auch nichts lesen über die seltsamen Ölplattformen. Denn eine Schule besucht er erst seit einem halben Jahr, vorher gab es keine in seinem Viertel. Aber lesen und schreiben können muss man zum Fußballspielen ja nicht, und Fußballspielen, das kann er!

Die Menschen in der Provinz Cabinda halten große Stücke auf die Americanos. Denn die sollen unermesslichen Reichtum in das geschundene Angola bringen, so sagt man. In der Hauptstadt Luanda, die zwar kaum einer selbst gesehen hat, soll es gläserne Hochhäuser geben und amerikanische Paläste. Doch auch im entlegenen Cabinda ist nicht nur der Krieg endlich vorüber, sondern auch die allerschlimmste Armut. Der Gouverneur hat im Radio gesagt, wer früher einen Dollar am Tag hatte, der hat jetzt schon zwei!

Noch etwas haben die einfachen Menschen den weißen Leuten von der anderen Seite des Atlantiks zu danken: Die helfen den angolanischen Soldaten, die Minen auf den Feldern, Straßen und Brücken, sogar mitten in den Dörfern, zu finden und wegzuschaffen. Mit Landminen besitzt Fabrice persönliche Erfahrung! Der Lehrer hat ihnen neulich erzählt, in Angola gäbe es fast so viele versteckte Minen wie Einwohner - über zehn Millionen. Ob man die wohl alle finden kann? Der Lehrer hat auch gesagt, es wäre die Pflicht der Americanos, dabei zu helfen, denn sie hätten im Krieg den angolanischen Rebellen das mörderische Zeug verkauft.

Auch im Armenviertel von Cabinda, wo Fabrice wohnt, werden immer wieder welche entdeckt, meist zufällig: zum Beispiel, wenn eine Frau zum Wasserholen geht oder wenn ein Junge Feuerholz sammeln soll. Meist sieht man die kleinen Dinger gar nicht. Deshalb tritt man drauf - und macht damit wieder eine Mine unschädlich. In Cabinda gibt es zwar ein Krankenhaus, aber die meisten erreichen das gar nicht mehr lebend. Die allgegenwärtige Minen-gefahr hat auch einen Namen, den Fabrice aber nicht ganz versteht: angolanisches Roulette.

Schon vor zwei Tagen war Fabrice mit seinen Freunden in die Hauptstadt gereist - ein atemberaubendes Abenteuer für einen Dreizehnjährigen aus dem Armenviertel Cabindas. Und wem hatte er das zu verdanken? Dem Fußball! Er und seine Kumpel waren nämlich die eine der beiden Jugendmannschaften, die heute im Estádio da Citadela zum Auftakt des nationalen Turniers spielen sollten - vor sechzigtausend Fans voller Stolz und Leidenschaft. Und für Millionen Ohren und Augen an den Radiolautsprechern und Fernsehschirmen. Dies alles überstieg die Vorstellungskraft des Jungen, doch er hatte ein nie gekanntes Gefühl im Bauch - so, als wäre er Mantorras und Akwá in einer Person.

Das andere Jugend-Team kam von noch weiter her in die Hauptstadt, aus der Provinz Moxico im Osten. Es waren die 'Schwarzen Antilopen von Cangamba' - eine Frechheit, sich so zu nennen, denn auch die Nationalmannschaft hatte den Spitznamen 'Schwarze Antilopen'. Und das war ja wohl doch ein Unterschied!

Wenn man den Namen von Fabrices Mannschaft übersetzte, ergab sich: 'FC Krücke'. Denn deren elf Spieler hatten nur elf Beine und bestritten das Spiel mit zwanzig Krücken - ja, mit zwanzig, denn der Torwart trug als Einziger eine Beinprothese, eine sehr einfache, eher eine an den Stumpf geschnallte Stütze. Er brauchte ja seine Arme für das Spiel; mit Krücken hätte er keinen einzigen Schuss fangen können. Allerdings war er schon fast achtzehn. Die Jüngeren konnten noch keine Prothesen tragen, da sie zu schnell wuchsen. Und alle Jahre eine neue Stelze - das war einfach unmöglich, mit zwei Dollar am Tag.

Glückliche Jungs!  Sie gehörten zu den zehn Prozent, die 'ihre' Mine lebend überstanden hatten.

Das Estádio da Citadela - so etwas Großes hatte Fabrice noch nie gesehen! So viele Menschen hatte er sich gar nicht vorstellen können. Und die Rufe, Gesänge aus zigtausend Kehlen - ihm schwanden fast die Sinne, als er und seine Kumpel das Spielfeld betraten, das extra für sie verkleinerte mit den niedrigeren, schmaleren Toren. Fabrice allerdings fand es riesig. Zu Hause hatten sie nur ein halb so großes Feld, und dicke Steine markierten die Torpfosten. Auf einem richtigen Fußballplatz hatten sie nur zweimal gespielt: bei der Qualifikationsrunde im

städtischen Stadion von Cabinda - lächerliche dreitausend Plätze!

Die protzigen Bengels aus Cangamba trugen knallgrüne Trikots, und ihre Krücken waren schneeweiß - was für Snobs!

Plötzlich erfüllte ein ohrenbetäubender Sound das gigantische Oval. Aus hundert Lautsprechern - so kam es Fabrice vor - wurden die Aufstellungen bekanntgegeben. (Was er nicht wusste: Diese Anlage hatten die guten Americanos gestiftet. Und auch die zwei Millionen Dollar, die Angolas Mannschaft für die Teilnahme an der WM bekommen hatte. So fördert man Frieden und Fortschritt. Und was sind schon ein paar Millionen - bei Milliarden Barrel Öl unter dem Meer!)

Anpfiff! - Man konnte es nicht ein rasantes Spiel nennen, nein. Denn mit Krücken läuft es sich eben langsamer als auf zwei athletischen Beinen und Füßen. Auch die Flanken gingen nicht so weit und öfter mal fehl. Die Zweikämpfe endeten meist damit, dass beide Spieler jämmerlich hinfielen. Und es dauerte bis zu einer halben Minute, ehe sie wieder auf dem Bein waren. Nach der ersten Halbzeit (zwanzig Minuten) stand es zwei zu null für die einbeinigen Antilopen aus dem Osten. Seitenwechsel. Fabrice war vorgezogen worden in die vorderste Linie. Und zwei Minuten vor dem Ende gelang ihm - nach einem Sturz des gegnerischen Verteidigers - der Ehrentreffer. Als er die Sechzigtaused jubeln hörte, als sein Name aus den hundert Lautsprechern über den Platz und die Ränge schallte, wusste Fabrice, was das höchste Glück eines Menschen ist.

Doch er täuschte sich, es gab noch eine Steigerung. Nach dem Abpfiff kamen Fabrice Akwá und der große Pedro Mantorras aufs Feld und überreichten dem 'FC Krücke' rote Trikots, wie sie die Nationalmannschaft trägt. Sie umarmten jeden einzelnen der Jungs und versprachen ihnen - ganz moderne Prothesen.

  

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